„In Liebe und Dankbarkeit“ – Traueranzeigen und Totenzettel

Mit dem Aufkommmen von Zeitungen etablierte sich die zunächst in sehr schlichter Form aufgemachte Kleinanzeige, die im Lauf der Zeit eine Wandlung bis zur relativ fest etablierten Form der Gegenwart erfuhr. Die erste Todesanzeige lässt sich 1753 in Ulm nachweisen. Im 19. Jahrhundert machten eigenständige Rubriken unter dem Titel „Verstorbene“ die aktuelle Totenliste bekannt. Was zuvor als „Memento Mori“ gedacht war, entwickelte sich zum Informationsmedium.

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Traueranzeige für Loriot in der FAZ (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Todesanzeigen sind immer individueller geworden, doch gibt es bestimmte typische Angaben, wie Namen, Geburts- und Sterbedatum, oftmals ein weltlicher oder religiöser Trauerspruch, Foto und, falls vorhanden, Titel und besonderer Beruf (zum Beispiel Bürgermeister o.ä.) des Verstorbenen, Symbole und Zeitpunkt der Trauerfeier. In unserer mediatisierten Welt kommt es ebenfalls vor, dass solche „Anzeigen“ auch online gestellt werden und man dem Toten somit virtuell gedenken kann. Todesanzeigen können in verschiedenen Größen abgedruckt werden, oftmals unterstreicht die Größe der Anzeige der Bedeutung des Verstorbenenen für die Öffentlichkeit. Großes Aufsehen erregte zum Beispiel die Traueranzeige des Art Directors Club Deutschland (ADC) für Loriot in der FAZ großes Aufsehen: ohne Geburts- und Sterbedaten, und dennoch so voller Kreativität, dass man mit einem Lächeln fast vergessen könnte, dass es sich um eine Todesanzeige handelt. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, an besondere Vorlagen mit Bildern oder Sprüchen muss sich heute niemand mehr halten.

Dass diese Kreativität oftmals keine Grenzen kennt, zeigt uns unter anderem auch Christian Sprang, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, kuriose Traueranzeigen zu sammeln und sie in seinem Buch „Aus die Maus –  ungewöhnliche Todesanzeigen“ zu veröffentlichen (auch online : http://www.todesanzeigensammlung.de/ ) . aus-die-maus-1

Die Anzeigen reichen von kurzen prägnanten Sätzen wie „ich bin tot“ über rachefreudige Sprüche oder „ich bin umgezogen – Hauptfriedhof Zürich Grabfeld XX“ – was uns zeigt, dass heutzutage nichts mehr unmöglich ist in der Welt des Trauerdrucks.

Bevor es die uns heute bekannten Traueranzeigen gab, waren es so genannte „Leich(en)bitter“, die die Todesnachricht übermittelten.

Der Leich(en)bitter war der Mann oder die Frau des Dorfes, der / die von Hof zu Hof oder in der Stadt von Haus zu Haus ging, oder nach eine/r ihr/ ihm aufgegebenen Adressenliste, an die Tür oder mit einem Stock an den Fensterladen klopfte, um im Namen der Angehörigen zur Abschiednahme zu bitten oder zum Begräbnis einzuladen. Das tat sie / er , indem sie / er vor der aufgesperrten Tür oder vor dem geöffneten Fenster ohne namentliche Anrede ihre / seinen Spruch aufsagte. Man betrat auf keinen Fall das Haus. Es gehörte sich auch nicht, den Leich(en)bitter hinein zu bitten oder hereinzulassen. Der Tod sollte nicht ins Haus hineinkommen. Noch heute pflegen viele Dörfer und Gemeinden diese Tradition, hauptsächlich im norddeutschen Bereich. Dort kennt man sie als „Ansager“.

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Totenzettel von Franz Josef Strauß. Quelle: www.antiquariat-grundmann.de

Totenzettel sind einfache oder gefaltete Zettel mit den wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen, die meist im Rahmen der Trauerfeier oder des Trauergottesdienstes an die Trauergäste verteilt werden. Im weiteren Sinn versteht man unter Totenzetteln auch Todesnachrichten, die früher im Ort verteilt oder versandt wurden. Ihrem Zweck nach waren sie jenen ähnlich, die man auch heute noch benutzt, um das Ableben eines Menschen mitzuteilen, um das Gebet für den Verstorbenen und seine Familie zu erbitten und zur Begräbnisfeier einzuladen.

Totenzettel von Peter Mathias Glücks, verstorben 1916. Quelle: anrath.wordpress.com

 

 

 

 

 

Wenn man sich intensiv mit der Thematik beschäftigt, so fällt doch auf, dass sich die Inhalte der Totenzettel verändert haben. Waren es zu Beginn meist lange Texte mit biografischen Inhalten wie Berufen, Anzahl der Kinder und frommen Gelöbnissen, finden sich heute eher stichwortartige Informationen auf den Zetteln wieder. Auch finden sich heutzutage weniger religiöse Texte und Aufrufen zum Gebet als im 19. Jahrhundert oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ebenfalls interessant in der Entwicklung der Trauerkultur ist der Unterschied der Formulierungen der Trauerzettel von verstorbenen Soldaten. Formulierungen wie „heldenhafter Tod für  das Vaterland“, was im ersten und zweiten Weltkrieg bewusst gewählt wurde, fehlen heutzutage gänzlich. Auch der Bildschmuck hat sich verändert: Hauptthema war früher auf den Sterbebildern hauptsächlich die Passion Christi. Ebenfalls eine große Rolle, vor allem bei verstorbenen Kindern, spielten Schutzengelbilder oder auch Darstellungen Marias oder Jesu Christi als Spender von Trost und Zuversicht. Ab Ende des 19. Jahrhunderts waren die ikonographischen Motive am breitesten gefächert. Es gab eine fast unüberschaubare Fülle symbolischer und allegorischer Darstellungen mit Grabkerzen, Gedenksteinen, Urnen und Säulen sowie Symbolen aus Kreuzen, Leidenswerkzeugen, Ankern, Herzen und anderer Symbolik. Ab etwa 1875 wurden die Textseiten der Sterbebilder vielerorts mit Original-Fotografien versehen. Die Fotos mussten hierzu in Handarbeit ausgeschnitten und aufgeklebt werden. Der Brauch, den Verstorbenen selbst mit abzubilden, verbreitete sich ab Ende des 19. Jahrhunderts. Heute findet man auch Totenzettel mit nichtreligiösen Darstellungen von Blumen, Bäumen oder Landschaften.

Die Texte der Totenzettel können auch für Trauerbriefe verwendet und versendet werden.

Mit dem Aufkommen des Individualismus in der Bestattungskultur und den dadurch vielfältigen Möglichkeiten des Trauerdrucks gibt es unzählige Varianten, die Traueranzeige oder Totenzettel zu gestalten.